14. Februar 2007

Warum schreibe ich einen Roman? 

Es ist billiger und ebenso effektiv wie eine Psychotherapie (Hoffentlich!). Es ist eine Möglichkeit, die eigene Geschichte umzuschreiben. Annäherung und Entfremdung gleichermaßen. Ich glaube, es ist nicht möglich, eine Geschichte zu schreiben, die von der eigenen Geschichte unberührt bleibt.

Es ist eine alltägliche Geschichte. Und doch eine besondere. Denn es ist meine. Eine Geschichte über Liebe, Verlust und Verrat. Auseinandersetzung mit der Faszination des Fremdartigen. Abrechnung mit der Unmöglichkeit und der Angst vor der großen Liebe. Und der Versuch, in Worte zu fassen, was im Grunde nicht fassbar ist.

Ist es eine wahre Geschichte? Nein. Aber es ist eine ehrliche Geschichte.

Ich habe diese Geschichte mit Hingabe geschrieben. Mit viel Liebe und Zärtlichkeit - mit Groll und Zynismus.

Und was als Auseinandersetzung mit Erlebtem begonnen hat, hat sich rapide verselbständigt.

Nächtelang vor dem Bildschirm sitzen und mit Worten jonglieren. Streichen, überarbeiten, wieder streichen, überarbeiten. Nach literweise Kaffee und kiloweise Tabak, ist etwas entstanden, das ich so nicht erwartet habe.

Die Entscheidung, endlich einmal etwas zu Ende zu bringen. Die Geschichte herzugeben, ihr einen Weg in eine Welt und zu Menschen zu weisen, die nichts mit mir zu tun haben. Damit sie vielleicht auch für mich einfach eine Geschichte wird. Zwischen zwei Buchdeckel gepresst, so dass ich sie aufschlagen und - wichtiger - zuklappen kann.  

Die Entscheidung, mich dem Abenteuer Verlagssuche zu stellen. Was ich darüber lese, ist entmutigend. Monatelanges Warten, zahlreiche Absagen, keine Chance für unbekannte Autoren - die Tagesordnung. Angeblich hat jeder dritte Deutsche ein unveröffentlichtes Buch in der Schublade...

Also verschanze ich mich hinter möglichst geringen Erwartungen. Schicke Exposé und Textprobe am Mittwoch ab. Und werde am Samstag mit den Worten "Wir nehmen ihr Manuskript" aus dem Bett geholt. Ich reagiere geistesgegenwärtig und eloquent wie immer: "Äh? Sind Sie sicher? Wollen Sie sich das nicht noch einmal überlegen?" Ich war schon immer ein großes Verhandlungstalent ... Doch mein Gesprächspartner will offenbar nicht überlegen, sondern verlegen. Ein Wunder. Ich glaube nicht an Wunder. Obwohl sie ständig passieren. Nur für gewöhnlich nicht mir. Also bleibe ich skeptisch. Und doch macht sich zaghafte Euphorie breit.

Ich erzähle es jedem, der es hören will. Und auch denen, die es nicht hören wollen. Vielleicht wird es dann tatsächlich wahr. Manchmal, nachts um drei, wenn die Welt eine andere ist, glaube ich ganz fest daran ...

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Sieben Monate später ...

"Kann man seine Geschichte ändern, indem man sie aufschreibt? Und kann man, was man einmal in Worte gefasst hat, weiterleben wie bisher? Oder ist die stille Beschäftigung mit Worten die wirkungsvollste Art, sein Leben zu verändern?" (Pascal Mercier, "Der Klavierstimmer")

Ein Buch zu schreiben kann ebenso lustvoll sein wie guter Sex. Ein Buch zu veröffentlichen ist hingegen wie Kinder kriegen.

Das Schreiben der Geschichte war eine im positiven Sinne einsame und fast einsiedlerische Beschäftigung. Ein Bereich, den ich eifersüchtig gehütet habe, und zu dem nur wenige Menschen Zugang hatten. Nun ist es an der Zeit, hinauszutreten, mich dem Vergleich zu stellen und der Kritik, die ohne Zweifel kommen wird.

Der Glaube, dass ein Buch fertig ist, wenn die letzte Zeile getippt ist, hat sich als bemerkenswert naiv herausgestellt. Ein gut Teil der Arbeit beginnt erst jetzt, kurz bevor das Buch in Druck geht. Nicht nur für den Verlag, der sich um Lektorat, Korrektorat, Satz, Layout, Covergestaltung und Druck kümmern muss, sondern auch für mich.

Jedes Jahr erscheinen im deutschsprachigen Raum 60.000 neue Bücher. Angesichts dieser Zahl wird es mir ganz blümerant (ein vom Aussterben bedrohtes Wort, das ich schon immer einmal anbringen wollte:-). Und mir wird klar: Es reicht nicht, wenn mein Buch in der Buchhandlung steht. Eine vollkommen neue Herausforderung kommt auf mich zu: Organisation und Marketing - zwei Themen, die mir nicht wirklich liegen ... Wie mache ich mein Buch bekannt? Wie veranlasse ich Menschen, ausgerechnet mein Buch zu kaufen und zu lesen und nicht eines der anderen 59.999? Wie mache ich Werbung, ohne arrogant zu wirken? Wie und wo organisiere ich Lesungen?

Der Stolz darauf, ein Buch geschrieben und einen Verlag dafür gefunden zu haben, schlägt um in Hilflosigkeit, durchsetzt mit Anflügen von Panik. Worauf habe ich mich eingelassen? Ich fühle mich klein und verloren, tue, was ich nicht besonders gut kann: Ich schreie um Hilfe. Und finde sie bei den unterschiedlichsten Menschen.

Ich begegne unvoreingenommenen, vorurteilsfreien Menschen, die mir weiterhelfen, ohne danach zu fragen, welchen Nutzen sie daraus ziehen. Die an Dinge denken, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Die sich mit einer Euphorie und Ausdauer für dieses Buchprojekt einsetzen, als wäre es ihr eigenes. All diesen Menschen an dieser Stelle ein Danke - auch wenn ich sie nicht namentlich nenne.

Schon jetzt, noch bevor das Buch gedruckt ist, bekomme ich Rückmeldungen, die mich ermutigen und berühren. Weil es scheinbar gelungen ist, Menschen zu berühren - mit nichts als Worten. Die Macht von Worten wird mir aufs Neue bewusst.

Es ist eine eigentümliche Erfahrung, Menschen mit geschriebenen Worten zu berühren. Hier machen Worte mich frei, stark und stolz - wenn es gelingt, mit ihnen Menschen zu wärmen, sie zum Träumen, Nachdenken oder Weinen zu bringen. Wenn es gelingt, mit ihnen einen Gedanken, eine Emotion, zu transportieren, präzise und unmissverständlich. Zugleich machen sie mich unfrei, schwach und unzulänglich. Dann, wenn nur Worte mir bleiben, um Menschen zu berühren, wo ich sie lieber mit meinen Fingern berühren würde, werden sie mir zum selbstgewählten Gefängnis. Kraft und Hilflosigkeit, Schönheit und Schmerz liegen so dicht beieinander, dass ich sie oft nicht zu unterscheiden vermag. Eine Erfahrung, die mich ebenso viel Kraft und Energie kostet, wie sie mir gibt.

Die Geschichte ist zu Ende erzählt und nimmt einen neuen Anfang. So wie die erlebte Geschichte mein Leben beeinflusst und verändert hat, so tut es nun auch die Geschriebene. Sie macht mich zu jemandem, der ich immer sein wollte, und der zu sein ich mir nie zugetraut habe: zum Verfasser eines Buches, das tatsächlich gedruckt wird, und das in den Regalen der ein oder anderen Buchhandlung steht. Eine Seite in meinem Leben wird umgeblättert - und ich habe keine Ahnung, was auf der nächsten Seite stehen wird ...

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November 2007

Drucktermin. Aufgeregt stiefle ich hinter meiner Verlagsleiterin durch die Druckerei. Allein die Gerüche und Geräusche nehmen mich gefangen. Überall liegen Papierstapel, Seiten um Seiten unfertiger Bücher, dazwischen Paletten mit bereits fertigen. Und meins ist auch dabei! Na ja, fast ... der Probeausdruck des Covers hängt am Reißbrett, der Textblock ist nicht aufzufinden. Nach längerem Suchen fragen wir einen der Drucker. Fröhlich klärt er uns auf: "Ach das, das drucken wir nächste Woche, uns ist das Papier ausgegangen." Weg ist er, und mein Nervenkostüm bekommt einen ordentlichen Riss. Dass selbst meine sonst so unerschütterliche Verlagsleiterin etwas blass um die Nase wird, verbessert die Situation nicht unbedingt ...

"Das klappt schon, keine Sorge, das klappt immer", beruhigt sie mich. "Es ist noch genug Zeit."

Zusätzlich zu allen anderen Aufgaben übernimmt sie noch eine weitere: Unerschütterliche Händchenhalterin für eine hyperventilierende Jungautorin, der drei Wochen gar nicht wie "genug Zeit" erscheinen. Ich bin todsicher: Das klappt nie! Das kann gar nicht klappen, und alles ist ganz fürchterlich und ungerecht  und überhaupt ...

... klappt es natürlich doch.

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23. November 2007

Acht Tage vor der ersten Lesung ist das Buch da. Fix und fertig gedruckt und gebunden. Es ist wunderschön geworden (völlig objektiv betrachtet, versteht sich;-). Tausend Tode bin ich in den letzten Wochen gestorben, ob es wohl rechtzeitig fertig wird. (Mir wurde schon angedroht, ich werde vor die Tür gesetzt, wenn ich nicht aufhöre, rumzuhampeln - keine schöne Aussicht, bei den Temperaturen...) Jetzt habe ich es in der Hand und realisiere nicht, dass es tatsächlich mein Buch ist, in dem ich da blättere.

Momentan, nachts um halb drei, bin ich vorallem eins: müde. Die Hektik und Arbeit der letzten Wochen macht sich bemerkbar.

Es ist tatsächlich wie mit dem Kinder kriegen: es reicht nicht, sie zur Welt zu bringen, man muss auch versuchen, sie vernünftig "großzuziehen", ihnen einen guten Start ins Leben zu geben. Ein Buch lebt erst, wenn es gelesen wird. Ich habe Angst, dass mein Buch eine Totgeburt wird, gehe allen damit auf die Nerven, damit es nicht unbemerkt untergeht in der unüberschaubaren Zahl von neuen Büchern. Ein mühseliges Geschäft, das viel Selbstdisziplin erfordert ...

Und doch: das erste Buch ist verkauft. Nicht an einen Bekannten, der sich dazu verpflichtet fühlt, es zu kaufen, sondern an einen Fremden. Ha!

Eine Buchhändlerin begrüßt mich mit den Worten: "Ist es endlich da, wie schön!" Sie strahlt übers ganze Gesicht und freut sich, als wäre es ihr eigenes Buch. Erfahrungen, die Mut machen, zwischen all dem höflichen Desinteresse, das man als gar nicht mehr so junger Jungautor erfährt.

Und was jetzt? Jetzt gehe ich ins Bett, müde, glücklich, ängstlich, und lege mein Buch unters Kopfkissen (was für ein Glück, dass es kein 600-Seiten-Backstein geworden ist!).

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Nach der ersten Lesung ...

... kocht die Debatte hoch: Habe ich mir schwer damit getan?

Oder habe ich mich schwer damit getan?

Die österreichische Front ist eindeutig: "Ich habe mir schwer getan." Zeitgenossen, die nördlich des Weißwurstäquators leben, plädieren für "mich". Dativ und Akkusativ werden ins Rennen geschickt, logische und abenteuerliche Begründungen aus dem Ärmel geschüttelt. Allgemeine Unsicherheit greift um sich, und Beziehungskrisen nehmen ihren Anfang.

Der Online-Duden soll Abhilfe schaffen. Er sagt: "Sie wollen eine Auskunft? Abbonieren sie mir!" Oder doch "mich"? Es ist ein Elend mit der deutschen Sprache!

Eine gründliche Recherche hat ergeben: "Ich habe mich, selten: mir schwer getan." (Zum Glück gibt es den Duden auch gedruckt.)

Beides ist möglich, alle haben recht, und die Welt ist ausnahmsweise gerecht.

Für alle, die auf Seite 95 stolpern, also ein Trost: das Verlagskorrektorat hat gute Arbeit geleistet. Auch wenn es mir (oder mich) wie ein böser Stilfehler vorkommt...

Nach der formalen, nun die inhaltliche Klärung der Frage: Ja, ich habe mir schwer getan (ich bleibe Österreicher, stur, aber wenigstens selten). 65 Menschen, die einen erwartungsvoll ansehen, sind eine ganze Menge für heimliche Sozialphobiker. (Zumal es exakt 65 Stühle gab:-)

Mehr als die Hälfte der Besucher kannte ich seit einer Ewigkeit. Sie haben meine Kindheit begleitet - zentral oder am Rande. Von den meisten habe ich seit über zehn Jahren nichts mehr gehört (auf Dauer ganz schön viel Aufwand, ein Buch schreiben zu müssen, um alte Freunde mal wieder zu treffen ...). 

Ein von Haus aus wohlwollendes Publikum. Das macht es leichter und zugleich schwieriger. Denn: Kritik von Freunden geht immer näher, als die von Fremden. Lob hingegen gerät schnell in den Verdacht, nur aus dem Wunsch heraus "nicht verletzen zu wollen" ausgesprochen zu werden.

Trotz aller Nervosität und Unsicherheit: eine Lesung bietet immer einen Fluchtweg. Einen Fluchtweg, der mir persönlich schon immer der Liebste und Einfachste war: der in ein Buch. Ich schlage ein Buch auf und verliere mich in einer Geschichte. Verstecke mich in der Struktur von Sätzen und im Klang von Worten. Sperre die Außenwelt aus.

"Ein aufgeschlagenes Buch ist immer der Beweis für die Anwesenheit eines Feiglings", schreibt Alessandro Baricco in "Land aus Glas". Er hat recht. Dass es meine Geschichte ist, in der ich mich verstecke, ist nebensächlich. Sie funktioniert so gut wie jede andere. Mit dem Lesen kommt ein neuer Rhythmus, mit dem Rhythmus die Ruhe. In der Geborgenheit zwischen den Zeilen verläuft der Rest des Abends völlig entspannt - auch, als ich das Buch längst zugeklappt habe.

Allen Lesungsbesuchern (und allen Helfern!) in Klaus ein herzliches Danke für den warmherzigen Empfang und den wunderschönen Einstieg in diese Lesungsreihe.

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Zum Mondgartentraum - Leseprobe

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(Nach zwölf Jahren bricht Emma ihr Schweigen mit einem belanglosen Satz: "Sie spielt Klavier, nicht Orgel." Ihre Worte beziehen sich auf die Frau ihres neuen Psychiaters, Doktor Lavaret. Dieser ist irritiert. Nur einmal hat Emma in den letzten Jahren eine Frage beantwortet - schriftlich. "Worauf warten Sie?" Den Zettel mit ihrer Antwort hält Lavaret in der Hand. Vier Worte nur, die Spur eines ganzen Lebens: "Auf die richtigen Fragen.")

Lavaret machte sich Sorgen. Was waren die richtigen Fragen? Und wie sollte ausgerechnet er sie finden? Emmas Aussage vom Vortag ließ deutlich erkennen, dass sie bereit war, zu sprechen. Mit ihm.

"Seine Frau spielt Klavier, nicht Orgel." Nun, seine Frau spielte tatsächlich Klavier. Das war mehr oder weniger allgemein bekannt. Warum aber war es für Emma wichtig genug, ihr Schweigen zu brechen? Nachdenklich machte er sich auf den Weg, um sie zu sehen.

Emma stand am Fenster des kleinen Besprechungszimmers und sah hinaus in die frühe Dämmerung. Sie zeigte keine Regung, als Lavaret den Raum betrat, und blieb mit dem Rücken zu ihm stehen. Ihre Haltung war aufrecht und strahlte etwas Schroffes und Unantastbares aus. Er sah sie unangemessen lange an, bevor er sie ansprach.

"Emma? Darf ich Sie Emma nennen? Ich werde Sie Emma nennen, obwohl das nicht Ihr richtiger Name ist."

Noch immer nahm sie keine Notiz von ihm.

"Setzen Sie sich doch. Bitte", forderte er sie schließlich auf, als ihre Reglosigkeit ihn zu verunsichern begann.

Emma wandte sich vom Fenster ab und ließ sich in einem der Sessel nieder, in dem sie fast versank. Ordentlich stellte sie ihre Füße nebeneinander und faltete die Hände im Schoß. Den Kopf hielt sie gesenkt, die Haare fielen ihr ins Gesicht. Lavaret konnte nur ihr Kinn, ihre Nasenspitze und den Anflug ihres Mundes sehen. Ihre Augen blieben im Schatten. Es war mehr die Idee eines Gesichts als tatsächlich ein Gesicht.

Er setzte sich Emma gegenüber, schlug seine langen Beine übereinander und versuchte, eine bequeme Position zu finden.

"Emma, warum sind Sie hier?"

Wenig überraschend bekam er keine Antwort.

"Wie heißen Sie?"

Auch diese Frage versank im Schweigen.

"Wie alt sind Sie?"

Keinerlei Anzeichen einer Reaktion.

"Worauf warten Sie?"

Emma zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen. Das war nicht die Reaktion, die sich Lavaret erhofft hatte, aber immerhin, es war eine. Sie zeigte ihm deutlich, dass Emma erkannte, worauf er hinauswollte, dass sie seinen Versuch, sie auszutricksen, erkannte. Im Geiste machte er sich eine Notiz: Emma ist intelligent und verfügt über ein gutes Gedächtnis.

"Warum sind Sie hier?" Lavaret stellte die Frage zum zweiten Mal, ohne es zu bemerken. Er suchte nach Worten.

"Die richtigen Fragen. Die richtigen Fragen. Stell ihr die richtigen Fragen", hämmerte es in seinem Kopf. Er beugte sich vor und streckte ihr seine Hand entgegen.

"Ich bin Doktor Lavaret", stellte er sich reichlich verspätet vor.

Emma ignorierte ihn. Ihr Schweigen stand fast greifbar zwischen ihnen und machte den Psychiater nervös. Lavaret spürte, wie seine Handflächen zu schwitzen begannen und ärgerte sich über seine Hilflosigkeit. Er hätte gerne geraucht, verkniff es sich aber. Stattdessen setzte er erneut an.

"Ich weiß, dass Sie nicht stumm sind. Warum haben Sie sich dazu entschieden, nicht mehr zu sprechen?"

Emma schwieg. Ein Schweigen, dem sich nichts entgegensetzen ließ. Lavaret versuchte es trotzdem.

"Sie schweigen zwölf Jahre und geben dann ein Detail aus dem Leben meiner Frau preis. Das kann doch kein Zufall sein. Warum ist Ihnen das so wichtig?"

Schweigen. Lavaret seufzte resigniert und gab auf.

"Nun gut, fürs Erste reicht es. Wir machen morgen weiter."

Emma stand auf und ging mit gesenktem Kopf zur Tür.

"Kann ich noch etwas für Sie tun?"

Sie blieb stehen.

Lavaret wusste, dass sie keine Medikamente nahm. Trotzdem stellte er ihr die Standardfrage, die alle Ärzte stellen: "Möchten Sie noch etwas zum Einschlafen?"

Emma drehte sich um, hob den Kopf und sah ihn unverwandt an. Mit klarer, fester Stimme sagte sie: "Einen Gutenachtkuss."

Sie knipste das Licht aus und schloss leise die Türe hinter sich, als sie den Raum verließ. Lavaret blieb im Dunkeln zurück, mit zwei Worten, die ihn in die Vergangenheit und ein ungelebtes Leben zurückkatapultierten.

***

David war vierundzwanzig und studierte Medizin im achten Semester. Er war ein fleißiger, wenn auch mittelmäßiger Student.

Groß und schlank, fast hager, strahlte er die nervöse Energie eines Windhundes aus. Er hatte feine Hände und ein ebenso fein geschnittenes Gesicht. Die dichten, dunklen Haare betonten seine blasse Gesichtsfarbe und standen in reizvollem Kontrast zu den weit auseinanderstehenden, wasserblauen Augen. Drei Pigmentpunkte in der linken Iris verliehen seinem Gesicht etwas subtil Asymmetrisches und ließen seinen Blick immer leicht spöttisch wirken, auch wenn er es nicht war. David bewegte sich mit der Eleganz und Disziplin eines Balletttänzers. Das ließ ihn selbstbewusst und verletzlich zugleich erscheinen.

Die Frauen himmelten ihn an. Die Männer begegneten ihm im besten Fall mit Skepsis, im schlechtesten mit unverhohlener Abneigung. Freunde hatte er so gut wie keine.

In den Sommerferien absolvierte David ein Praktikum auf der Chirurgie der Unfallklinik. Freiwillig meldete er sich so oft es ging für die Nachtdienste. Er mochte die Stille, die sich nach der Geschäftigkeit des Tages über die Station senkte wie Neuschnee. (...)

Als David an einem heißen Juliabend mit seiner Runde begann, ahnte er nicht, dass die Kontinuität seines Lebens einen Bruch bekommen würde. Er klopfte an die zweitletzte Zimmertüre, hörte ein leises "Ja?" und trat ein. Es war ruhig in dieser Nacht, die Fenster waren geöffnet und ließen die laue Nachtluft ins Zimmer. Im Schein der Nachttischlampe sah David eine junge Frau, die er noch nicht kannte. Sie lehnte an zwei dicken Kissen und hielt den rechten Arm dicht an den Körper gepresst. Unter der Decke ragten Schläuche hervor, die zu einem Infusionsbeutel führten. Ihr Gesicht war blass und vor Schmerz verkniffen, auf der Stirn klebte ein beeindruckend großes Pflaster. Eine Augenbraue war rasiert und mit drei Stichen genäht worden. Ihre Haare standen wirr in alle Richtungen. Sie sah aus wie ein gerupftes Huhn und schien sich auch so zu fühlen.

David warf einen kurzen Blick auf den Aufnahmebogen am Fußende des Bettes. Johanna Fuchs, gebrochenes Schultergelenk, Prellungen und Platzwunden.

"Guten Abend, Frau Fuchs. Ich bin David", stellte er sich vor. "Ich habe heute Nachtdienst und bin jederzeit für Sie da, wenn Sie etwas brauchen."

"Danke."

"Wie geht es Ihnen?"

"Ich bin nicht gerade in Bestform."

"Was ist passiert?"

"Fünfzig Stundenkilometer und ein Loch im Stoppelfeld. Ich hatte Glück."

David hatte schon viele Unfallschilderungen gehört - diese war neu. Fragend hob er die Augenbrauen.

"Mein Pferd ist gestolpert", erklärte Johanna knapp und zuckte mit den Schultern. Eine unbewusste Geste, die sie vor Schmerz zusammenzucken ließ. Mit einem schiefen Lächeln sah sie zu ihm auf.

Zum ersten Mal sah er ihr direkt in die Augen. Mit irritierender Intensität blickte sie zurück. David schien es, als versuche sie, in ihn hineinzusehen und ihn zu berühren. Sie sah ihn nicht an wie einen Fremden, sondern wie jemanden, den sie seit langem kannte. David fühlte sich schutzlos und zugleich geborgen unter diesem Blick. So, als würde sie ihn erkennen und vorbehaltlos akzeptieren. Es war ein fremdes und überaus verwirrendes Gefühl. Sein Herz machte einen unkontrollierten Hüpfer. Mühsam fing er es ein.

"Können Sie halbwegs liegen?"

"Es geht schon. Irgendwie geht es immer."

"Möchten Sie noch etwas zum Einschlafen?"

Eine Standardfrage. Er bekam keine Standardantwort.

Johanna sah ihn unverwandt an und sagte mit klarer, fester Stimme: "Einen Gutenachtkuss."

David zögerte nur kurz, bevor er alle Richtlinien bezüglich des Umgangs zwischen Personal und Patienten über Bord warf. Er trat an ihr Bett, strich ihr behutsam das Haar aus der Stirn und beugte sich über sie. Sanft wie Schmetterlingsflügel berührten seine Lippen ihren Mund. Sein Herz sprang mit einem wilden Satz davon. Diesmal ließ es sich nicht einfangen.

***

Lavaret versuchte zu arbeiten. Er ergänzte Emmas Akte. Name: Johanna Fuchs. Alter: zweiundvierzig, geboren am 6. April. Geschlecht: weiblich. Und wie! Grund, ihr Schweigen zu brechen: Ich. Er knüllte das Blatt zusammen, warf es in den Papierkorb und ging hinaus in den Garten.

Emma saß mit geschlossenen Augen auf einer niedrigen Bank vor der Klinik und lehnte an der Hauswand. Auf ihren Knien lag ein aufgeschlagenes Taschenbuch, neben ihr hatte sich eine dicke Tigerkatze behaglich schnurrend zusammengerollt. Ihr Fell war von der Oktobersonne aufgeladen und knisterte leise, wenn Emma es streichelte.

Lavaret stand im Eingang und betrachtete die beiden. Ein friedliches Bild. Er zögerte, ob er sie ansprechen sollte. Emma wirkte eins mit sich und der Welt. Vielleicht wäre es taktvoller, sie alleine zu lassen. Aber es gab eine Grenze, wie weit er sich selbst belügen konnte. Es wäre nicht taktvoll, es wäre feige.

"Johanna?"

Sie öffnete die Augen und fand sofort die seinen. Es versetzte ihm einen Stich.

"Emma", korrigierte sie ihn leise, aber bestimmt. "Hier bin ich Emma und möchte es bleiben."

Er setzte sich neben sie. Nah genug, um sie zu spüren, weit genug weg, um sie nicht zu berühren. Er fand genau die richtige Distanz. Was er früher nie geschafft hatte, gelang ihm mit unverhoffter Leichtigkeit.

"Warum nennen sie dich Emma?"

"Deswegen." Sie drehte das Taschenbuch auf ihrem Schoß um und reichte es ihm. Das Buch, das sie seit Jahren wie einen Talisman ständig bei sich trug und nie aufgeschlagen hatte. Eine zerlesene Ausgabe von Jane Austens "Emma". Lavaret erkannte den Kaffeefleck auf dem Titelblatt. Die geknickte Ecke von Seite 276 markierte die Stelle, an der er vor über zwanzig Jahren zu lesen aufgehört hatte. Langsam blätterte er die Seiten um. Eine Handbewegung nur, und eine ganze Welt war da. Es war unheimlich.

***

Als David am nächsten Abend Johannas Zimmer betrat, war er nervös und fahrig.

"Guten Abend, Frau Fuchs. Kann ich etwas für Sie tun?"

"Lesen Sie mir vor, bitte. Seite 53." Sie wies mit dem Kinn auf ihren Nachttisch.

David nahm das Buch in die Hand. Eine englische Taschenbuchausgabe von Jane Austens "Emma". Auf dem Titelblatt war ein Kaffeefleck. Er sah aus wie ein Vogel mit einem übergroßen Wurm im Schnabel. David schlug das Buch auf.

Die ersten beiden Seiten las er stockend, stolperte immer wieder über Worte, bis er sich in den unvertrauten Sprachrhythmus einfinden und ihn genießen konnte, obwohl er lange nicht alles verstand. Er las eine halbe Stunde, bis Johanna ihm das Buch aus der Hand nahm.

"Danke."

Wortlos stand er auf und ging.

Das abendliche Vorlesen wurde zum Ritual. Johanna nannte ihm die aktuelle Seitenzahl, und er begann. Zum ersten Mal sah er sich mit der Situation konfrontiert, immer wieder mitten in einer Geschichte einzusteigen. Er fühlte sich eigenartig dabei, doch obwohl "Emma" ein Buch war, das er freiwillig nie gelesen hätte, war David dankbar, dass ihn die Erzählung in eine andere Welt entführte.

Er sprach nicht mit Johanna und berührte sie nie. Dennoch - oder vielleicht auch deswegen - entstand eine seltsame Vertrautheit zwischen ihnen, so als würden sie sich seit Jahren kennen. Den Blick auf die Zeilen geheftet, war es für David einfach, Johannas Augen auszuweichen und ihre Anwesenheit zu vergessen. Auch dafür war er dankbar. Am sechsten Abend knickte er nach einer halben Stunde die obere Ecke von Seite 276 ein und klappte das Buch zu. Am siebten Abend war Johanna verschwunden. David wusste nicht, ob er enttäuscht oder erleichtert war.

***

"Ich habe es nie zu Ende gelesen", riss Emma Lavaret aus seinen Erinnerungen. "Diese Geschichte geht erst jetzt zu Ende. Seite 276."

Lavaret war sich der Doppeldeutigkeit bewusst, schlug das Buch auf und begann zu lesen ...

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Erste Stimmen zum Buch

"Sie fühlen sich wie durch einen Zauber zueinander hingezogen: David und Johanna. Doch die Liebe zwischen Ihnen scheitert an ihrer Unaussprechlichkeit. Geschickt verknüpft die österreichische Autorin Claudia Lampert in ihrem Debütroman Gegenwart und Vergangenheit, um die eigentlich ernste Geschichte einer unerfüllten Liebe mit einer faszinierenden Leichtigkeit zu erzählen, die den Leser fesselt und ihn ahnen lässt, um wie viel schöner die Welt sein könnte, wären mehr Menschen fähig, sich selbst einen 'Mondgartentraum' zu schaffen."

Ralf Ott, Alb Bote, Südwestpresse

"Der Text besticht durch enorme sprachliche Treffsicherheit, durch exakte, unmissverständliche Formulierungen. Dass die Geschichte auf unterschiedlichen zeitlichen Ebenen spielt, macht sie spannend und lesenswert; der Übergang von einer zur anderen Ebene gelingt meisterhaft ...

Du machst deinen Text an der Idee fest, dass große Liebe nicht tragisch endet, sondern tragisch ist, weil sie nicht endet. Ein absolut geeigneter Aufhänger für deine durchaus beklemmende, aufwühlende Geschichte. Glücklich all jene, die die Liebe in einer so großen Radikalität und Intensität erfahren dürfen; eine magische Liebe."

Marlene Bischoff, Deutschlehrerin, Lektorat

"Wie die wenig attraktive, schwerbrüstige und dem Sex nicht gerade verfallene Johanna diesen David verzaubert (...) ist auf diesen im Grunde tieftraurigen Seiten mit viel Liebe und Sehnsucht erzählt, selbst wie ein Traum, ein verträumtes Sichfinden in Nächten und Ställen, ein nachtmahrisches Sichverlieren am Tag, in der Küche, im Beruf und zwischen all den andern Menschen, die nichts wissen oder, wenn sie ahnen, Unbehagen empfinden.

Claudia Lampert weiß, wo die große Liebe beginnt - auf der Unfallstation. Sie weiß auch, wo sie endet - in der Psychiatrie. Jede/r sollte das wissen. Wissen sollte man aber auch, dass die eigentliche Geschichte, 'the real stuff', sich zwischen Anfang und Ende, zwischen der Reparaturanstalt für den Körper und der für die Seele, abspielt, und wie die Autorin ihre beiden Hauptfiguren und einige mehr um eine ungewöhnliche Anziehungskraft kreisen lässt, muss man gelesen, aber besser vorher noch gehört haben."

Michael Raffel, Literaturcafé Tübingen

"Ein fantastisches Buch und ein Schreibstil, um den ich Sie neidlos beneide."

Gunter Haug, Autor